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"Die grossen Versicherer haben eine erbärmliche Rolle gespielt"

Vital Darbellay
alt Nationalrat, Martinach

Pensionskassen: eine Geschichte unter Beeinflussung

 

Das Gewicht der Arbeitgeberkreise hat die Geschichte der Pensionskassen seit Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt.

 

Die Alterspyramide als Erpressungs-mittel?

 

 

 

Hermann-Michel Hagmann
Demograf, Siders

Im Jahre 1906 wurde im Wallis die erste Pensionskasse des Lehrpersonals als autonome Kasse gegründet. Ziel: "Den Erziehern unserer Jugend die Zukunft sicherer und angenehmer gestalten und ihnen auf diese Weise Motivation zu einem neuen Elan verleihen."  Das Wallis ist im Vergleich mit den anderen Kantonen diesen weder voraus noch hinkt er zu sehr hinten nach.
Zu jener Zeit zählte man in der ganzen Schweiz lediglich an die 150 Kranken- und Unfallversicherungen mit Altersvorsorge. Die SBB-Angestellten müssen sich bis 1907 gedulden, jene des Bundes bis 1921, um endlich über ihre eigene Versicherung zu verfügen. In den Nachkriegsjahren nimmt die Zahl der Versicherungen sprunghaft zu. Nicht etwa aus sozialem Gewissen heraus. Von der Pensionskasse profitieren vor allem die Arbeitgeber. Sie legen die Leistungen willkürlich fest. Sie benutzen die Pensionskasse zu ihrem Vorteil: Diese erlaubt es ihnen, die Kader an die Unternehmung zu binden, beruhigt die Arbeiter, welche Lust verspüren könnten, sich an Gewerkschaften zu wenden. Für die Unternehmen bringt die Pensionskasse zudem spürbare Steuereinsparungen.

 Von der Voll- zu Teildeckung

 Zurück ins Wallis. In den 50er-Jahren steigt der Lebensstandart. Im Jahre 1964 müssen die Löhne des Lehrpersonals an den Beschäftigungsgrad des Berufs angepasst werden, was praktisch einer Verdoppelung gleichkommt. Wie die meisten andern Kassen jener Zeit, ist jene des Lehrpersonals autark. Die vollständige Deckung des Kapitals garantiert jedem Mitglied, dass es in den Genuss seiner Leistungen kommt, was auch immer passieren mag. "Um diese Deckung aufrecht zu erhalten, hätte man vom Lehrpersonal Einkaufsummen von etwa 15 Millionen Franken verlangen müssen" erinnert sich Vital Darbellay, welcher die Kasse von 1979 bis 1989 leitete. Undenkbar. So beschliesst man, auf eine partielle Deckung in der Höhe von etwa 55% umzusteigen. "Das genügte, weil die Neumitglieder genug frisches Geld einbrachten, um die Perennität des Systems zu gewährleisten."

Wir stellen mehr oder weniger überall das gleiche Phänomen fest. Die Pensionskasse der kantonalen Beamten zum Beispiel ist im Jahre 1972, als man beschloss, die Gehälter der Walliser Beamten ans schweizerische Mittel anzugleichen, mit beträchtlichen Lohnerhöhungen konfrontiert. Die teilweise Deckung wird die Regel.
Die Situation verschlechtert sich ab 1985. Die Einführung der Freizügigkeit, das Recht, sich seine zweite Säule auszahlen zu lassen, ändert die Ausgangslage grundlegend. Dazu kommt die steigende Anzahl von Scheidungen. Bei der Trennung erhält die Frau die Hälfte des Pensionskassen-Kapitals. "Man hätte damals den Deckungsgrad auf etwa 80% erhöhen müssen." 
Was dann im Wallis und andernorts passierte,
wissen wir... Geld, das man ebenso leicht verdient
wie verliert, die Zauberlehrlinge der Börse, die Skandale.

1906: Botschaft zum Gesetzesentwurf über die Pensionskasse des Lehrpersonals

• Die Pensionskassen in der Schweiz. Eine abwechslungsreiche Geschichte.

• Die Pensionskassen der Nachkriegsjahre.
Eine spannende und detaillierte Studie des Gewichts der Arbeitgeber bei der Entstehung er ersten Vorsorgekassen (SVS, Schweizerischer Verband der Sozialversicherungs-Fachleute)

• Erste Revision des BVG:

- Was am 1. Januar 2005 geändert hat.

- Was am 1. Januar 2006 ändern wird.

 


In den letzten Jahren schlägt das Pendel noch brutaler in die andere Richtung aus. Wie in der Nachkriegszeit prägt der von den Arbeitgebern ausgeübte Druck die Politik. Die Lobby der privaten Vorsorge, welche an der Börse Federn gelassen hat, fordert Reformen. Diese kommen mit der ersten Revision des BVG. Von 4 auf 2.25% reduzierter Mindestzinssatz, welcher die Renten von tausenden von Rentnern verringern, an die Lebenserwartung angepasste und demzufolge reduzierte Renten... Die Tendenz geht in Richtung individuelle Vorsorge (ich erhalte, was ich in Form von Beiträgen geleistet habe) auf Kosten einer solidarischen Vorsorge.

Rentnerschwemme

 Im Rahmen dieser Debatte haben die Wirtschaftskreise und die bürgerlichen Parteien ein unwiderlegbares Argument gefunden: die Demografie. Gemäss den Prognosen des BFS wird die Schweiz im Jahre 2030 innerhalb der westlichen industrialisierten Länder den höchsten Anteil von Rentnern aufweisen. Die aktiven Arbeitenden werden nicht mehr genügen, um die Renten der Alten zu finanzieren. Die Europäische Union und die Schweiz scheinen in die gleiche Richtung zu marschieren, um diese perversen Auswirkungen zu bekämpfen. Die Pensionskassen benötigen flüssige Mittel? Verringern wir die Leistungen oder gestalten wir diese so, dass sie schwerer erreichbar sind, indem wir sie jenen vorbehalten, welche am meisten Verdienste haben. Es braucht mehr Personen, die arbeiten? Heben wir das Pensionierungsalter an und verkürzen wir die Zeit der Ausbildung.

Die gegenwärtig vom BVG benachteiligten Personen – Angestellte mit unsicheren Arbeitsstellen, Arbeitende in Teilzeitarbeit, Frauen, die wegen zu niedrigen Löhnen ausgeschlossen werden – könnten bald Gesellschaft von anderen Leidensgefährten bekommen.


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